Ich kann mich nicht erinnern

Ich kann mich nicht erinnern

„Hey, Ramona, wie ist das eigentlich, mit Diabetes aufzuwachsen?“

Das ist eine Frage, die mir häufig gestellt wird. Zurecht, denn die Diagnose Diabetes bekam ich ja schon im Alter von acht Jahren, im März 2000. Da weiß ich doch, wie es ist, mit einer chronischen Stoffwechselkrankheit aufzuwachsen. Sollte man meinen.

Die Wahrheit ist: Ich kann mich nicht erinnern.





Also, so ist das mit dem „nicht erinnern“ nicht ganz richtig. Klar, ich war sehr jung, aber ja auch nicht so jung, dass man meinen könnte, das Gehirn hätte zu diesem Zeitpunkt noch nichts richtig gespeichert. Schließlich erinnere ich mich auch relativ lebhaft an meine Zeit im Kindergarten – die ich übrigens ganz schrecklich fand. Ich war ein komisches Kind. Oder der Kindergarten war komisch. Auf jeden Fall war es die Erzieherin, die komisch war. Egal.

Dann erinnere ich mich durchaus auch an den Tag der Diagnose und diese unglaublich hässliche Max- und Moritz-Tapete in meiner damaligen Kinderarztpraxis. Gruselig war die auch, also die Tapete, generell finde ich die Erzählungen von Wilhelm Busch bis heute total gruselig. Und kennt ihr den Struwwelpeter? Man, das übertrifft echt jeden Horrorfilm! Aber egal, ich schweife ab.

Ich erinnere mich auch an das Zimmer der Kinderklinik, in welcher ich zwei oder drei Wochen mit meiner Mama verbrachte. Die durfte übrigens ihren 40. Geburtstag in der Kinderklinik feiern, juhu, alles Gute! Die einzelnen Zimmer hatten seltsamerweise Glasfenster, durch welche man in das Zimmer nebenan gucken konnte, aber es war ein Vorhang davor. Gut, dass sie diese hässliche Klinik irgendwann abgerissen haben. Auch egal, ich schweife schon wieder ab.



An irgendwelche Injektionen, vor denen ich anfangs natürlich Angst hatte, erinnere ich mich. Ans Abwiegen von Essen und an die BE-Tabellen. Daran, dass ich am liebsten in den Arm gespritzt habe und mein Insulin dauerhaft im Kühlschrank lagerte, weil man es ja gekühlt heraus nehmen, in der Handfläche warm rollen und anschließend in der Spritze mischen musste. Erst Alt, dann Basal, Kinder.


Aber danach?

Nichts.


Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich an so gar nichts erinnern kann, was den Diabetes und das Aufwachsen damit betrifft. Ich weiß, dass ich sofort allein alles in der Schule managen musste – meine Eltern waren beide in Vollzeit berufstätig, aber es gab ja sowieso feste Spritz- und Esspläne, die wenig Raum für Fehler gelassen haben. Ich weiß, dass ich ein Jahr in der 7. Klasse vom Sportunterricht befreit war, da die bereits steinalte Lehrerin ebenso steinalte Ansichten vom Diabetes hatte und mich regelmäßig bei Unter- und Überzuckerungen zum Sport zwingen wollte und mir schlechte Noten eingetragen hat, wenn ich mich geweigert habe. Selbst bei der Direktorin war sie beratungsresistent und eine Befreiung vom Sportunterricht war die einfachste Art, das zu lösen. Sie hieß übrigens Frau Trini und so hieß der Dackel meines Vaters früher. Seltsam.

Neulich habe ich mit einer Freundin gesprochen. Sie meinte, dass sie das mit dem Glukosesensor, der mir Warnungen bei entgleisenden Werten gibt, super findet – denn wir waren ja früher ganz oft in der Stadt unterwegs und mussten uns ganz oft hin setzen, weil ich unterzuckert war. Und ich? Kann mich daran nicht mal ansatzweise erinnern.

Eine andere Freundin aus der Grundschulzeit kommentierte vor einiger Zeit unter einem meiner Instagram-Posts, dass sie sich noch genau erinnert, wie kurz nach meiner Diagnose eine Krankenschwester der Kinderklinik in meine Klasse kam und alle meine Mitschüler über den Diabetes aufgeklärt hat. Total spannend fanden sie das damals alle. Drei mal dürft ihr raten, wer davon nix mehr weiß? Genau, ich.


Essen Diabetes Typ 1 Glukose Blutzucker FGM CGM


Ich weiß sicher, dass ich den Diabetes nie absichtlich ignoriert habe und meine Erinnerungslücken nicht daher kommen können. Im Gegenteil, in den Zeiten, als es noch keine Glukosesensoren gab – also den Großteil meiner Zeit als Diabetikerin – habe ich eine starke Hypoangst entwickelt und testete meinen Blutzucker zu Spitzenzeiten alle 30 Minuten, weil ich zwar in der Theorie gut geschult war und die Auswirkungen von Sport, Nahrung und Insulin kannte, aber in der Praxis nicht umsetzte. Ängste sind eben nicht rational. Das spiegelte sich auch in einem Hba1C von weit über 9% wider.

War ich ständig unterwegs, auf Parties, war Alkohol im Spiel? Klar. Habe ich währenddessen genau so häufig meinen Blutzucker gemessen? Ich gehe mal davon aus. War ich mehrmals im Jahr auf Reisen an die entlegensten Orte? Natürlich. Habe ich auch dort ständig meinen Diabetes im Blick gehabt? Sicher.
Kann ich auch nur zu einer der genannten Situationen erläutern, wie ich mich explizit im Bezug auf den Diabetes verhalten habe oder kann ich gar konkrete Situationen nennen? Keine. Chance.


Nun kann man das natürlich von zwei Seiten sehen: War der Diabetes für mich einfach so selbstverständlich geworden, dass alles so nebenbei und wie von allein lief? Wird ihm deshalb kein expliziter Platz in meinen Erinnerung eingeräumt?

Oder hat mich das Aufwachsen, das Leben mit Diabetes unterbewusst so belastet, dass ich die Tatsache, dass die Krankheit existiert, einfach verdrängt habe?

Ich weiß es nicht.


Wie ist es bei euch? Erinnert ihr euch lebhaft an das Aufwachsen mit Diabetes oder sind bei euch auch nur kleine Erinnerungsfetzen vorhanden?



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