Die Werte eines gesunden Menschens

Die Werte eines gesunden Menschens

Vielleicht haben es einige von euch schon auf Instagram gelesen: Als wir letztens eine Woche Urlaub hatten, habe ich meinen Freund – der sich bester Gesundheit erfreut – einen Dexcom-CGM-Sensor verpasst. Einfach, um mal zu gucken, wie die Werte so sind.

Natürlich ist so ein „Projekt“ nichts neues und fand schon öfter in der Community statt. Auch dauerte es nicht lange, bis ich die ersten verwunderten Nachrichten bekam – schließlich hatte ich diese ganzen „Typ-F-Experimente“ immer als ziemlich unnötig abgetan. Warum also der Seelenwandel?



Nun, ein Seelenwandel fand hier wirklich nicht statt. Nach wie vor kann ich Diabetes-Experimenten, wo der Nichtdiabetiker sich dann auch den Blutzucker klassisch messen soll, die Kohlenhydrate berechnen oder sich gar mit einem Pen mit Kochsalzlösung spritzen muss, absolut nichts abgewinnen. Das liegt an einem Grund: Das KH-Berechnen oder das Spritzen stellt für mich nicht die Last am Diabetes dar. Die Last ist die Tatsache, mit einer chronischen Krankheit zu leben, um die man sich 24/7 kümmern muss, egal, wie stressig der Alltag auch sein mag, egal, wie unpassend eine Hypo oder Ketone jetzt sind – und irgendwo auch immer mit den potentiellen Spätfolgen durch schlechte Werte im Hinterkopf. Beate putzt hat hier neulich auch einen sehr guten Beitrag zum Thema Inklusionsexperimente veröffentlicht, bei denen am Ende ja immer alle nur wahnsinnig froh sind, nicht im Rollstuhl zu sitzen/hören zu können/sich nicht spritzen zu müssen – obwohl es dabei bei einer Be*Hinderung oder chronischen Krankheit einfach nicht in erster Linie geht.

Des Weiteren empfinde ich die aktuelle Entwicklung in der „Diabetesszene“ in Sachen DIY-Closed-Loop als sehr kontrovers. Einerseits können diese Systeme das Leben mit Diabetes enorm erleichtern, keine Frage – schließlich habe ich das alles auch selbst ausprobiert. Es hat auch funktioniert, so ist das nicht; meine Gründe, damit wieder aufzuhören, waren andere, wie das Tragen einer Pumpe an sich, was ich als enorm störend und einschränkend empfand.

Und dann sehen wir auf Instagram oder in Facebookgruppen die Glukoseverläufe von Loopern: Manchmal strichgerade, den ganzen Tag bei einem Durchschnittswert von 90mg/dL, kaum bis keine Abweichungen nach oben oder unten. Eine grandiose Leistung, keine Frage, die nur mit sehr viel Aufwand und Wissen über die eigene Erkrankung zu meistern ist. Doch stellte sich mir regelmäßig eine Frage:

Wie realistisch ist ein Durchschnittswert von 80-90mg/dL bei einem Diabetiker?



Erreicht ein Gesunder überhaupt diese Werte?

Gefragt, gesagt, getan, Sensor dran. Ging auch ganz ohne Tränen. 😉

Nun wäre es ja langweilig, wenn mein Freund sich gesund ernähren würde. Nee, da gehen schon ein paar Nussschnecken oder Franzbrötchen zum Frühstück (täglich.) oder ne dicke Schüssel Kelloggs, auf die ich immer neidisch rüber schiele – wohl wissend, dass mich so etwas unabhängig von Insulinmenge und Spritz-Ess-Abstand absolut in die Höhe katapultiert.

Leider ist die Auswertung über das Clarity-Klinik-Portal, über welches ich via meinen Arbeitgeber zugreifen konnte, nur in mmol/L möglich. Die Umrechnungsformel hierfür ist 1mg/dL x 18.


Die Auswertung

Sieht erstmal wenig spektakulär aus: Der Durchschnittswert lag bei 6mmol/l, also 108mg/dL, mit eher wenig Ausreißern nach oben und unten. Aber schauen wir uns mal die einzelnen Tage an:



Hier sieht man die Schwankungen schon deutlicher. Die Warngrenzen waren übrigens auf 180 mg/dL (10,0mmol/l) und 70mg/dL (3,9mmol/l) eingestellt. Diese wurden zwar nicht geknackt – trotz einem Experiment mit Traubenzucker in rauen Mengen! -, aber trotzdem sind Anstiege nach dem Essen deutlich zu erkennen.



Je nach Art der aufgenommenen Nahrung (am Montagabend gab es Pizza) ist auch zu sehen, dass auch ein gesunder Körper deutlich länger an der Verstoffwechslung von Kohlenhydraten in Kombination mit Fett und Proteinen zu kämpfen hat, als an Tagen, wo es etwas gesünderes zu futtern gab.


Wer sich die komplette Clarity-Auswertung ansehen will, kann diese hier als PDF herunter laden.


Und nun? Moral von der Geschichte?

Ja, klar. Mein Freund ist gesund, der Wert ging nicht plötzlich auf 250. Surprise.

Trotzdem finde ich es wichtig zu zeigen, dass auch der Blutzucker von Menschen, die nicht die Arbeit ihrer Bauchspeicheldrüse manuell übernehmen müssen, durchaus mal nach oben oder unten ausreißt – gerade in Zeiten von vermeintlich perfekten, glatten Linien, die in den sozialen Netzwerken geteilt werden.

Gebt euch Mühe mit eurer Diabeteseinstellung, aber stresst euch nicht zu sehr.

Ich für meinen Teil habe jedenfalls nicht den Anspruch, krassere Werte als ein Stoffwechselgesunder zu haben – und diese vermutlich nur mit massiven Einschränkungen im Lebensstil zu erreichen.



Wie sehr ihr das? Lasst mir eure Gedanken gern in den Kommentaren da!



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4 thoughts on “Die Werte eines gesunden Menschens

  1. Yannik

    Ich hab vor Jahren mal den Blutzucker von nem Kumpel gemessen, nachdem er 3! Stückchen Torte gegessen hatte. Der Wert war bei 263 (er ist immernoch Nicht-Diabetiker und kerngesund). Seitdem sind mir solche Ausreisser nach Mahlzeiten nicht mehr so wichtig.

  2. Steffi

    Das entlastet mich als Neuling unheimlich, vielen Dank für das Experiment und das Teilen!

  3. Mari

    Schönes Experiment und wieder mal ein Beweis dafür, dass gerade Linien nicht das Maß aller Dinge sind. Denn wenn die Lebensqualität stimmt, Time in Range vorzeigbar ist und auch der HbA1C nicht aus dem Rahmen fällt, dann kann einen eine gerade Linie mal…in meiner momentanen Weiterbildung zur Diabetesberaterin werden meine Mitstreiter auch dieses Experiment machen, einfach um sich ein wenig in die Lage eines Diabetikers hineinzuversetzen…in diesem Fall finde ich das auch ok. Im „normalen“ Leben muss ich das nicht unbedingt haben.

  4. Angi

    Vielen Dank für das Experiment und die Erfahrung die du mit uns teilst .. ich als Diabetes Neuling setz mich ziemlich unter Druck und da tuts wirklich gut zu sehen, dass auch bei gesunden nicht alles perfekt ist.

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